Übersetzung von Personen- und Ortsnamen bei der beglaubigten Urkunden-Übersetzung ins Russische und aus dem Russischen ins Deutsche

Dieser Artikel ist die (hoffentlich sinnvolle) Zusammenfassung zweier vorhergehender Artikel zu diesem Thema.

Ich versuche eine Antwort auf die Fragen zu geben,

  • Wie werden Personennamen bei der beglaubigten Übersetzung von (standesamtlichen) Urkunden übertragen?
  • Wie sind Personennamen bei der Übersetzung von Urkunden aus der deutschen (oder einer anderen Sprache, wie Englisch, Französisch, Spanisch) in die russische Sprache zu übertragen?
  • Darf man Namen übersetzen, sie an deutsche Gepflogenheiten anpassen?
  • Was ist zu tun, wenn ein russischer Name in deutschen Dokumenten, Urkunden usw. vorkommt und in die kyrillische Schrift der russischen Sprache zurückübertragen werden soll
  • Wie werden Ortsnamen aus dem Russischen, Ukrainischen, Belarussischen übertragen?
  • Wie verfahre ich mit Ortsnamen ehemals deutscher Gebiete, z. B. Ostpreußen, Deutschordensgebiet?

Diese Ausführungen beziehen sich auf die beglaubigte / bestätigte Übersetzung amtlicher Urkunden für wiederum amtliche Zwecke.

Personennamen bei der Urkundenübersetzung allgemein

Folgende Grundlagen bestehen:
Personennamen in lateinischen Schriftzeichen werden unverändert übernommen, die diakritischen Zeichen bleiben erhalten. Geschlechtsbezogene (z. B. slawische Sprachen) oder auf den Familienstand bezogene (z. B. Litauisch, Ungarisch) Flexionsformen werden unverändert übernommen. Im Deutschen unübliche Namensbestandteile (Vatersnamen, Mittelnamen, zweite Familiennamen der spanischsprachigen Welt, Namensketten) werden als solche gekennzeichnet. Beispiele/Exkurs:

  • Tschechisch: Holubová wird nicht zu *Holub angepasst
  • Litauisch: “Fräulein” Živilė Žylutė bleibt in der Übersetzung so und wird nicht zu *Živilė Žylius umgebastelt.
  • Es gibt leider Leute, denen man so etwas sagen muss :-(.
  • Nach Art. 47 EGBGB sind derartige und andere Anpassungen in bestimmten Fällen, besonders bei Einbürgerung, möglich. Das ist aber Sache der Standesämter und übergeordneten Behörden, nicht der Übersetzer.

Personennamen bei der Übersetzung russischer Urkunden ins Deutsche

In Anlehnung an § 49 Abs. 2 Satz 3 der Dienstanweisung für die Standesbeamten und ihre Aufsichtsbehörden (kurz “DA”) werden Namen, die nicht in lateinischen Buchstaben geschrieben sind, nach den Angaben im Reisepass oder anderen geeigneten amtlichen Urkunden umgeschrieben.
Fehlt solch ein Nachweis (auch für Teile des Namens), sind die ISO-Normen anzuwenden, für die kyrillische Schrift die Norm ISO 9:1995 (nicht mit der DIN 1460:1982 verwechseln), so grausam das Ergebnis auch aussehen mag. Beispiel:

    Анна Вячеславовна Щедрина: Für Vor- und Familienname liegen Angaben im russischen Reisepass vor, für den Vatersnamen nicht, daraus ergibt sich:
    Anna (Pass) Vâčeslavovna (Vatersname, ISO 9) Shchedrina (Pass)

Der Vorteil der ISO-Normen zur Transliteration ist die einfache und eindeutige Rückübertragbarkeit, ohne viel recherchieren zu müssen. Daher sollte die Transliteration nach ISO-Norm in der Übersetzung stets als zusätzliche Referenz angegeben werden, auch wenn § 49 (2) Satz 3 der DA anzuwenden ist, Beispiel:

    Laufender Text: Anna Vâčeslavovna (Vatersname) Shchedrina
    Fußnote: Vor- und Familienname laut Reisepass 60 Nr. 1234567, abweichende Transliteration nach ISO 9:1995: Anna Vâčeslavovna Ŝedrina

Übertragung von Namen in lateinischen Buchstaben in kyrillische Buchstaben der russischen Sprache

Sonderfall Rückübersetzung Russisch/kyrillisch -> Deutsch/lateinisch -> Russisch/kyrillisch

Die Rückübertragung des russischen Namens aus der Schreibweise in lateinischen Buchstaben ist dann die Umkehrung von obigen Angaben. Wegen der Eindeutigkeit (in bestimmten Fällen, besonders bei nicht-russischen Namen anderer Nationalitäten der Russischen Föderation / GUS / Sowjetunion) sind die oben stehenden umfangreichen Angaben zur Schreibweise nach ISO 9:1995 sinnvoll.
Über die Rückübertragung ist ein Vermerk nach dem Muster: “Обратная транслитерация фамилии и имена в кирилловские буквы русского языка произведена на основании загранпаспорта серия 60 № 1234567, выданного Российской Федерацией, УВД-999, 29.02.2006 г.” sinnvoll.

Übertragung von deutschen (englischen, spanischen usw.) Namen (Personen ohne russischen oder Sowjetpass)

  1. Hatte die Person jemals ein russisches Visum? Dann ist das die Grundlage für die Umschrift Deutsch – Russisch, aufgrund des Visums sollte der Kunde ja in irgendwelchen russischen Datensammlungen mit seinem Namen verzeichnet sein.
  2. Wenn nein, Umschrift nach Aussprache, s. u.
  3. sicherheitshalber setze ich in der Übersetzung ins Russische den Namen in lateinischen Buchstaben dazu, z. B.
    • фон Мюллер-Люденшайдт Александер (von Müller-Lüdenscheidt Alexander)
    • ЛЬОПИС САНЧЕС Хосе-Мария Алехандро (LLOPIS SÁNCHEZ José-María Alejandro)
    • Laut einer mir nicht mehr auffindbaren Quelle verlangen russische Behörden, dass die Schreibweise in lateinischen Buchstaben ausschließlich in Klammern gesetzt wird

Sonstiges

Zur Frage der Angabe von diakritischen Zeichen, z. B. ä, ö, ü, ß, ñ kann ich im Moment nichts Eindeutiges beisteuern.

  • Pro Verwendung diakritischer Zeichen: In Zeiten von UTF-8/Unicode sollte es möglich sein, stimmt entgegen einer Aufschlüsselung in ae, oe, ue mit anderen Unterlagen überein
  • Contra: Nicht jedes System ist UTF-8-/Unicode-fähig, auch nicht jeder Nutzer

Wenn Familien- und Vornamen nicht eindeutig unterscheidbar sind, erfolgt eine Hervorhebung durch Großbuchstaben.
Ein bislang ungelöster Streiftall ist die Frage des Doppel-N und einiger Diphtonge im Kontext traditioneller, ausspracheorientierter im Gegensatz zur aktuellen, stärker rechtschreiborientierten Umschrift.
Beispiel:

    Neumann – laut Tradition Нойман, laut uralter Tradition Нейман, dabei lässt sich aber durch ein Doppel-Н mehr Genauigkeit erzielen: Нойманн, so geht auch das russ. Konsulat vor. Hier gilt m. E. Absprache mit dem Kunden, ansonsten fachliches Ermessen, somit für Urkunden eine stärker rechtschreiborientierte Transkription

Besonders bei ausländischen Namen von Deutschen ist Rücksprache über die gewünschte Aussprache erforderlich, so kann Roger als Роджер, Роже oder Roger übertragen werden; weiterhin werden ursprünglich polnische Namen auf -cki heute nach Ermessen der Namensträger als -цки oder -кки übertragen.
Ansonsten werden die traditionellen Namenswiedergaben, wie z. B. Генрих Гейне, nicht mehr für den allgemeinen Bedarf verwendet, nur bei Bezug auf eben jene Personen, also Heinrich Krause –> Хайнрих Краузе, dagegen Heinrich Heine –> Генрих Гейне

Literatur:

Leyn, K.: Umschrift von Namen bei der Übersetzung aus dem Russischen und ins Russische. Leipzig: Karl-Marx-Universität, Sektion Theoretische und angewandte Sprachwissenschaft, 1988 (Studienheft zur Sprachmittlerausbildung Russisch Nr. A-8 )
Лидин, Ростислав А.: Иностранные фамилии и личные имена. Практика транскрипции на русский язык. Справочник. Толмач, 2006 г. – ISBN 5-903184-05-2 (nicht empfehlenswert, da m. E. zu ungenau)

Angabe von Ortsnamen bei beglaubigten Übersetzungen

Für Ortsnamen, für die es eine allgemein bekannte deutschsprachige Bezeichnung gibt, ist diese anzuwenden. Beispiele: Moskau, Warschau, Kiew, Straßburg, Brüssel.
Bei der Übertragung von Anschriften durch Transliteration oder Transkription sollte jedoch die ursprüngliche Bezeichnung belassen werden, z. B. vul. Velika Vasìl´kìvs´ka, bud. 9/2, 01004 Kiïv oder vul. Velyka Vasilkivs’ka, bud. 9/2, 01004 Kyiv.
Bei der Übertragung von Ortsnamen, die nicht in lateinischer Schrift geschrieben sind und für die es keine allgemein bekannte deutsche Bezeichnung gibt, stellen die Richtlinien der Bundesländer (z. B. Sachsen-Anhalt, Freie und Hansestadt Hamburg) oder des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer, Landesverband Baden-Württemberg es dem Übersetzer frei, nach welchen Normen die Umschrift erfolgt.
Ich selbst habe hauptsächlich die Transliteration nach ISO 9:1995 angewandt, schon um in der gesamten Urkundenübersetzung nach einer einheitlichen Norm vorzugehen (Ausnahme § 49 (2) Satz 3 DA für Personennamen).
Nach § 60 Abs. 2 Satz 4 der DA ist in diesem Fall “der Name nach seinem Klang und den Lautregeln der deutschen Rechtschreibung (phonetische Umschrift) einzutragen”. Bei Internationalen Kommission für das Zivilstandswesen (CIEC) konnte ich in den deutschsprachigen Texte keine Regelung zu dem Thema finden.
Für die Übersetzung Russisch – Deutsch ist somit die “Dudentranskription” (Transkription nach Wolfgang Steinitz???), z. B. Duden : Rechtschreibung der deutschen Sprache (Bd. 1). 21. völlig neu bearb. Aufl. Mannheim : Brockhaus, 1996, S. 86, anzuwenden. Für die anderen slawischen Sprachen, die ebenfalls die kyrillische Schrift verwenden, ist dieses System mit den entsprechenden Anpassungen zu empfehlen.

Diskussion

Für dieses Vorgehen sprechen die Einfachheit der Darstellung und stärkere Nähe zur deutschen Aussprache. Weiterhin ist die Verarbeitung in der EDV problemlos möglich.
Dagegen sprechen die mangelhafte Eindeutigkeit und der erhöhte Rechercheaufwand bei Rückübertragungen. Beispiel: Жабинка bei Brest kann als “Schabinka” oder “Shabinka” übertragen werden. Der deutsche Buchstabe “s” kann sowohl “з” als auch “с” wiedergeben, die Kombination “sch” sowohl “ж”, als auch “ш”. Die deutsche Umschriftvariante “sh” für “ж” kann auch mit dem englischen “sh” für “ш” verwechselt werden.
Viele Karten, Atlanten, elektronische Karten und die internationale Handelskorrespondenz (angefangen bei englischsprachigen Angaben in russischen Briefköpfen verwenden häufig eine englische Umschrift, was zusätzlich zu Verwirrung führen kann.
Bei wenig bekannten Orten sind daher für eine mögliche Rückübertragung (umfangreiche) Recherchen erforderlich. Will der Kunde seine Urkunden mit diesen Einträgen in andere Sprachen übersetzen lassen, z. B. um nach Frankreich, Spanien oder Argentinien überzusiedeln, was gar nicht so selten vorkommt, fehlt oft eine eindeutige Referenz.

Schlussfolgerung

Die phonetische Umschrift (Russisch – Deutsch z. B. durch “Dudentranskription”) ist unumgänglich, weist Vor- und Nachteile auf. Zwecks eindeutiger Rückübertragbarkeit ins Russische (Belarussische, Ukrainische) empfehle ich, in der Übersetzung den Ortsnamen zusätzlich nach Norm ISO 9:1995 anzugeben.

Geänderte Ortsnamen bei der Urkundenübersetzung

Laut Auskunft des Standesamts besteht bei Orten in ehemals deutschen Gebieten mehr oder weniger eine Wahlmöglichkeit, in welcher Sprache der Ort angegeben werden soll. Diese Entwicklung ist grundsätzlich zu begrüßen. Jemand, der jahrelang seinen Geburtsort als Chojna angegeben hat, muss nicht, wenn er es nicht will, auf einmal Königsberg/Neumark angeben und dies an allen möglichen und unmöglichen Stellen erklären.
Für die Übersetzung lautet daher meine Empfehlung beide Bezeichnungen anzugeben, sofern der Übersetzer sich sicher ist und keine unangemessen aufwändigen Recherchen erforderlich werden. Die Standesämter verfügen über Listen mit den Ortsnamen ehemals deutscher Gebiete.
Hat sich ein Ortsname geändert, ist trotzdem der Name, wie im Ausgangstext angegeben, zu übertragen bzw. zu transkribieren oder zu transliterieren. Wenn man sich der damaligen oder aktuellen Bezeichnung sicher ist, sind Anmerkungen nach dem Muster “Kalinin [Anm. d. Übers. jetzt Twer]” oder “Bischkek, [Anm. d. Übers. zum Zeitpunkt der Geburt Frunse]” möglich.

Hinweise, Copyright

© Alle Rechte vorbehalten, Burkhard Ziegler, Erstellt 2008-07-22
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